Keine StabilitätDie einzige Konstante heißt Veränderung

Veränderung

Viele Beschäftigte sind entnervt von Veränderungen. Aber gerade heutzutage müssen wir lernen, damit umzugehen. Foto: Pixabay.com

Es ist verwundernswert, dass Change oft noch als etwas Besonderes gesehen wird – so als gäbe es einen Normalzustand, in dem sich nichts verändert. Den gibt es nicht. Es gibt nur eine Konstante im Leben: Veränderung.

  • Menschen verändern sich.
  • Beziehungen wandeln sich.
  • Gebäude altern, Dinge gehen kaputt.
    etwas wächst, etwas vergeht.
  • Stabilität ist eine Illusion.

Trotzdem haben die meisten Menschen eine große Sehnsucht nach Stabilität – sie mögen keine Veränderung. Sie ist oft so groß, dass wir die Augen zukneifen und unser Leben in zu kleinen Zeitabschnitten betrachten, so dass wir die Veränderung nicht sehen. Deshalb merken wir zum Beispiel nicht, wie wir älter werden und unsere Beziehungen an Qualität verlieren (oder gewinnen).

Eine Ursache hierfür ist: In unserem Alltag erfordert es von uns meist wenig Energie, Dinge (scheinbar) stabil zu halten. Veränderung hingegen kostet Kraft. Doch reicht das als Begründung oder gar Rechtfertigung für das Festhalten an der Illusion „Stabilität“? Wenn wir ehrlich sind, wissen wir: Wir machen uns etwas vor. Trotzdem….

Wie befreien wir uns aus dem Dilemma, dass wir Menschen einerseits eine tiefe Sehnsucht nach Stabilität haben, die häufig in Bequemlichkeit mündet, und andererseits alles im Fluss und Wandel ist? Diese Frage beschäftigt mich bei meiner Arbeit in und für Unternehmen sehr. Denn offensichtlich hat in unserer Wirtschaft das „Alles ist im Fluss“ eine neue Dynamik gewonnen: Die Märkte verändern sich immer schneller, die technologische Entwicklung schreitet immer rascher voran, die Produktlebens- und Change-Zyklen werden stets kürzer, die Strategien haben eine immer kürzere Halbwertszeit, und, und, und….

Mit der „Dauerunruhe“ und Veränderung leben

Früher konnte man als Chef zum Beispiel nach einer Reorganisation oder strategischen Neuausrichtung den Mitarbeitern (und Kapitalgebern) eine gewisse Konstanz und Sicherheit versprechen. Heute ist es häufig sogar nicht mehr möglich, für ein Jahr ehrliche Prognosen abzugeben. Deshalb herrscht in zahlreichen Unternehmen eine Art Dauerunruhe-Zustand. Und viele Führungskräfte stecken im Dilemma, dass sie ihren Mitarbeitern nicht mehr versprechen können: „Ihr Job ist sicher“. Oder: „Unsere Strategie gilt für die nächsten Jahre.“ Zugleich fordern ihre Leute jedoch nachdrücklich Perspektiven und Sicherheit sowie eine längerfristige Planung.

Aktuell kursiert in der Management-Diskussion ein Begriff, der diesen Zustand der Dauerunruhe beschreibt: das Akronym VUKA. Es fasst formelhaft zusammen, dass wir in einer immer volatileren, unsichereren, komplexeren und mehrdeutigeren Welt leben. Daran besteht kein Zweifel. Doch was bedeutet das für uns Menschen? Wie gehen wir mit dieser Situation um, und wie finden wir uns in ihr zurecht?

Bei den Mitarbeitern von Unternehmen (wozu auch deren Führungskräfte zählen) erlebt man häufig folgende Reaktionen.

  • Reaktion 1: Change-Müdigkeit. Sie zeigt sich unter anderem darin, dass Anpassungsanforderungen mit Lethargie, Fatalismus oder Zynismus kommentiert werden.
  • Reaktion 2: Change-Ignoranz. Manche Mitarbeiter haben gelernt, Neuerungen einfach auszusitzen – gemäß der Maxime: „Wenn ich mich langsam genug bewege, ist diese Welle vorbei, bevor ich etwas ändern muss.“
  • Reaktion 3: aktiver Widerstand. Durch ein Festhalten an Vergangenem, an überholten Errungenschaften und Beschlüssen, durch Endlos-Diskussionen, Stimmungsmache und Verweigerung wird hierbei mit Zähnen und Klauen versucht, den Status quo zu erhalten.

Natürlich begegnet man in den Unternehmen auch Mitarbeitern, die sich auf Veränderung einlassen und ihre Gestaltungs-Chancen nutzen. Doch das Gros leidet häufig unter der Dauerunruhe und ist wenig offen für Veränderungen.

Agile Organisation – eine Antwort?

Was dagegen tun? In Management-Kreisen wird in jüngster Zeit als mögliche Lösung das Thema „agile Organisation“ diskutiert – das heißt das Implementieren einer Unternehmenskultur, die sich der Dynamik bewusst ist und darauf mit einer hohen Anpassungsfähigkeit antwortet. In einem solchen System, so die Hoffnung, organisieren sich die Menschen anders als bisher. Sie entscheiden direkter und schneller, tragen Verantwortung und tauschen sich aus. Doch wer sind die Träger einer solchen Kultur? Die Menschen in der Organisation und ihre Beziehungen zueinander. So gilt es hier, den Veränderungshebel anzusetzen.

Dies ist unter anderem nötig, weil in einer agilen Organisation, die weitgehend auf starre Organigramme, Bereichsgrenzen, Aufgabenbeschreibungen usw. verzichtet, die Referenzpunkte und Orientierungsanker andere als in der klassischen Top-down-Organisation sind. Und die Mitarbeiter können sich bei ihrer Arbeit weniger auf Vereinbarungen und Beschlüsse in der Vergangenheit sowie Vorgaben von außen beziehen. Sie müssen „wach“ sein und über die Fähigkeit verfügen, einzuschätzen, was gerade passiert – und sinnvoll hierauf zu reagieren. Statt Beständigkeit ist geistige Flexibilität gefragt. Statt Dienst nach Vorschrift sind Neugier und Selbstbewusstsein gefordert. Statt Stabilität findet Entwicklung statt.

Eine solche Form des Miteinanders hat dramatische Auswirkungen auf die Beziehung Unternehmen-Führung-Mitarbeiter. Wir sind im betrieblichen Kontext ein Beziehungsmodell gewohnt, in dem einmal getroffene Vereinbarungen sozusagen dauerhaft Gültigkeit haben – seien dies Vereinbarungen bezüglich der Arbeitszeit, der Entlohnung, der Zuständigkeiten und Arbeitsinhalte oder der Karrierepfade. Und dies wird von vielen Mitarbeitern weiterhin erwartet. Doch wie soll das funktionieren, wenn sich die Rahmenbedingungen ständig ändern? Müssen wir uns dann nicht stärker auf „agile Deals“ zwischen den Unternehmen sowie deren Führungskräften und ihren Mitarbeitern einstellen – sowie zwischen den Unternehmensführungen und Mitarbeitervertretungen? Vermutlich!

Beziehungskitt: gemeinsame Werte

Das alles heißt zunächst: Die Irritation der Mitarbeiter wird weiter wachsen:

  • Worauf kann ich mich noch verlassen? Und:
  • Wem und auf was kann ich noch vertrauen?
  • Und die Frage wird virulenter: Was hält das soziale System Unternehmen noch zusammen, wenn dieses zentrale Bedürfnisse seiner Mitglieder (wie die nach Sicherheit und Verlässlichkeit) nur noch bedingt erfüllen kann?

Das Einzige, was Menschen und Organisationen in Zeiten extremer Verunsicherung stabilisieren kann, ist ein starkes (gemeinsames) Wertesystem. Wenn die vielen Einzelnen, die dem System angehören, durch bestimmte Werte miteinander verbunden sind, gehen sie gemeinsam durch dick und dünn – unter anderem, weil dann die jeweiligen Beziehungspartner berechenbar bleiben, weshalb auch Vertrauen entstehen kann.

Die Mitglieder von Organisationen, die auf wechselseitiges Vertrauen bauen, lernen schneller, Veränderung nicht persönlich zu nehmen; sie unterstellen zudem dem jeweils anderen gute Absichten. Auf dieser Basis wachsen auch Ehrlichkeit und Transparenz: Man unterstützt sich wechselseitig, Fehler werden verziehen. Und die Kurzlebigkeit sowie permanente Notwendigkeit, sich zu verändern? Sie wird auch sportlich als Herausforderung gesehen.

Wenn in Unternehmen die Veränderungsdynamik so groß ist, dass schriftliche Vereinbarungen das Papier nicht wert sind, auf dem sie stehen, dann gewinnen die gemeinsamen Werte an Bedeutung: Sie schweißen zusammen. Und aus dem gemeinsamen Wertekanon erwächst der Zusammenhalt, den Planungen und Strategien nicht mehr schaffen können.

In die Unternehmenskultur eintauchen

INFO

Bleibt die Frage: Wie entsteht in Unternehmen eine gemeinsame Wertebasis? Was fördert einen entsprechenden Team-Spirit? Wie wächst das hierfür nötige Vertrauen? Die Antwort lautet: Indem ich als Unternehmen, als Führungsmannschaft (mit den Mitarbeitern) die Unternehmenskultur gezielt beeinflusse, entwickle und präge. Das ist keine leichte, jedoch eine spannende und lohnende Aufgabe… und eines der Kernthemen von Führung in der VUCA-Welt.

Kulturentwicklung erfordert eine Art Tiefseetauchen. Denn wenn wir von Unternehmenskultur sprechen, sprechen wir vom kollektiven Gedächtnis einer Organisation – von den Erfahrungen, aber auch Narben, die im Untergrund wirken. Sie fließen in die Haltung und das Handeln der Menschen ein. Appelle hingegen verpuffen meist wirkungslos; ebenso wie bunte Poster mit Vertrauensslogans. Sie bauen keine Menschen verbindenden Brücken. Kulturarbeit erfordert tiefer gehende und wirkende Interventionen, Impulse und Reize, damit sich etwas Neues bilden kann.

Wenn der Change als alltägliche Herausforderung akzeptiert und gelebt werden soll, bedeutet das für die Führung vor allem: Schnorchel an und rein in die Tiefen der das (gemeinsame) Verhalten prägenden Werte und Prinzipien! Denn erst wenn nicht mehr die Symptome, sondern der eigentliche Kern im Fokus steht, findet eine wahre Veränderung statt. Wenn Unternehmen dieser Schritt gelingt, sage ich wieder voller Überzeugung: Change rocks!

Über den Autor Dr. Georg Kraus

Dr. Georg Kraus ist geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmensberatung Dr. Kraus & Partner, Bruchsal. Er ist u.a. Lehrbeauftragter an der Universität Karlsruhe, der IAE in Aix-en-provence, der St. Gallener Business-School und der technischen Universität Clausthal.

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