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Bestsellerautorin Anne M. Schüller:„Die Zukunft gehört denen, die sie aktiv mitgestalten“

Unternehmen stehen unter permanentem Veränderungsdruck – und brauchen Menschen, die nicht nur an morgen, sondern an übermorgen denken. Bestsellerautorin und Keynotespeakerin Anne M. Schüller erklärt im Interview auf Karriere NOW, warum sogenannte Übermorgengestalter Innovationen vorantreiben, wie Sie dieses Potenzial bei sich selbst erkennen – und weshalb Mut, Netzwerke und ein starkes persönliches „Why“ entscheidend sind, um Ideen wirklich umzusetzen.

Karriere NOW: Frau Schüller, was genau verstehen Sie unter einem Übermorgengestalter – und warum brauchen Unternehmen diesen Typus heute dringender denn je?

Anne M. Schüller: Ein Übermorgengestalter denkt nicht nur an das Morgen, sondern an das Übermorgen. Er beschäftigt sich mit dem „Next Next“, während andere noch am Nächstnotwendigen arbeiten. In Zeiten rasanter Veränderungen reicht es nicht mehr, Bestehendes zu optimieren. Wer zukunftsfähig bleiben will, muss neue Denk- und Handlungsmuster entwickeln. Übermorgengestalter treiben genau das voran: Sie initiieren Innovationen, stellen Gewohntes infrage und schaffen Fortschritt – oft gegen Widerstände. Unternehmen, die solchen Menschen Raum geben, sichern sich langfristige Wettbewerbsvorteile.

Karriere NOW: Viele Leser von Karriere NOW arbeiten in etablierten Strukturen oder bauen gerade ein eigenes Business auf. Woran erkennen sie, ob sie selbst dieses Potenzial haben?

Anne M. Schüller:  Übermorgengestalter erkennt man daran, dass sie über Zukunft sprechen – nicht über Vergangenheit. Sie überlegen ständig, was man verbessern könnte. Sie sind neugierig, lernbereit, experimentierfreudig und konstruktiv konfliktfähig. Entscheidend ist jedoch die innere Haltung: Sehe ich mich als aktiven Gestalter oder als Getriebenen der Umstände? Warte ich auf Chancen – oder suche ich sie gezielt? Diese Fragen sollte sich jeder ehrlich stellen.

Karriere NOW: Innovation klingt attraktiv – aber Neues stößt oft auf Widerstand. Wie gelingt es, sich trotzdem durchzusetzen?

Anne M. Schüller:  Wer Neues vorantreibt, braucht Mut und Durchhaltevermögen. Besitzstandswahrung und Verlustaversion sind starke Kräfte. Deshalb dürfen Übermorgengestalter nicht isoliert agieren. Es ist wichtig, zu „trommeln“ – das heißt die eigene Idee klug zu präsentieren. Nicht nur sachlich argumentieren, sondern auch emotional überzeugen. Denn Veränderungen werden nicht allein auf rationaler Ebene entschieden. Menschen fragen sich immer: Was bringt mir das? Welchen Nutzen habe ich davon? Wer das beantwortet, gewinnt Unterstützer.

Karriere NOW: Sie betonen die Bedeutung des „Why“. Warum ist diese Frage so zentral?

Anne M. Schüller:  Ohne ein starkes „Why“ fehlt die Energie, Gegenwind auszuhalten. Wer sich exponiert, braucht innere Klarheit: Warum will ich das? Was will ich bewirken? Welche höhere Bedeutung hat mein Vorstoß? Gerade für Gründer ist das essenziell. Ein Unternehmen aufzubauen bedeutet, über längere Zeit Unsicherheit zu ertragen. Wer sein persönliches Motiv kennt, bleibt fokussiert – auch wenn es schwierig wird.

Karriere NOW: Viele ambitionierte Menschen versuchen, Veränderung allein durchzusetzen. Sie sagen: Das ist ein Fehler. Warum?

Anne M. Schüller:  Weil nachhaltige Veränderung nie das Werk eines Einzelnen ist. Erfolgreiche Übermorgengestalter bauen Netzwerke auf. Sie suchen Mitstreiter, Sparringspartner, Multiplikatoren. Man muss kein einsamer Wolf sein. Im Gegenteil: Heterogene Netzwerke erhöhen die Schlagkraft enorm. Wer Ideen frühzeitig zur Diskussion stellt, lässt sie reifen. Und wer andere beteiligt, schafft Mitverantwortung.

Karriere NOW: Wie können Arbeitnehmer und Gründer konkret starten, wenn sie ihre Ideen wirksam umsetzen wollen?

Anne M. Schüller:  Zunächst braucht es eine Idee, für die man wirklich brennt. Dann sollte man den Blickwinkel erweitern, mit unterschiedlichen Menschen sprechen und Feedback einholen. Wichtig ist, nicht den Anführer zu spielen, sondern ein Gleicher unter Gleichen zu sein. Definieren Sie gemeinsam einen klaren Purpose. Schaffen Sie Austauschplattformen. Rechnen Sie mit Widerstand – und bereiten Sie sich fachlich wie emotional darauf vor. Und wenn die Initiative trägt: Machen Sie sie sichtbar. Erzählen Sie Erfolgsgeschichten. Feiern Sie Fortschritte. Sichtbarkeit erzeugt Sog.

Karriere NOW: Zum Abschluss – was raten Sie unseren Lesern, die spüren, dass sie mehr gestalten wollen – sich aber noch nicht trauen?

Anne M. Schüller:  Fragen Sie sich: Wollen Sie über Umstände klagen – oder das Spiel Ihres Lebens spielen? In jedem Unternehmen und in jedem Markt gibt es Gestaltungsräume, selbst wenn der Rahmen klar gesetzt ist. Veränderungswirken ist vor allem Einstellungssache. Warten Sie nicht, bis andere losgehen. Machen Sie sich selbst auf den Weg – aber bleiben Sie nicht allein. Wer sich mit anderen zusammentut, vergrößert seine Chancen erheblich. Die Zukunft gehört denen, die sie aktiv mitgestalten.

Literatur & Weblinks

Anne M. Schüller: Bahn frei für Übermorgengestalter. Gabal Verlag 2022.

Bildnachweis: Peter Svec

Porträtfoto von der Journalistin Carolin Fischer

Carolin Fischer ist Gründerin des Online-Magazins Karriere NOW, selbstständige Journalistin und spezialisiert auf die Themen Karriere, Softskills, Selbstmanagement und Business. Zuvor hat die Kommunikationsexpertin bei der Süddeutschen Zeitung in München gearbeitet und für ein Politmagazin des ZDFs.

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