Gründung + Selbstständigkeit

Drei Signale aus dem Projektmarkt, die Freelancer kennen sollten

Der Fachkräftemangel wirkt derzeit weniger akut, weil Unternehmen aufgrund der schwachen Konjunktur zurückhaltender einstellen und Budgets genauer prüfen. Für Freelancer bedeutet das jedoch nicht, dass externe Expertise grundsätzlich weniger gefragt ist. Drei Signale aus dem Projektmarkt zeigen, in welchen Bereichen weiterhin gute Chancen bestehen, wo der Wettbewerb besonders hoch ist und wie sich Selbstständige besser positionieren können.

Die kurzfristige Entspannung beim Fachkräftemangel bestätigt das KfW-ifo-Fachkräftebarometer. Zu Beginn des zweiten Quartals meldeten 21 Prozent der befragten Unternehmen Beeinträchtigungen durch fehlende Fachkräfte. In der Industrie waren es 17 Prozent, im Dienstleistungsbereich 30 Prozent. Nach Einschätzung der KfW hat sich der Fachkräftedruck im Zuge der schwachen Konjunktur damit vorübergehend abgeschwächt.

Langfristig bleibt der Engpass jedoch bestehen. Das Institut der deutschen Wirtschaft prognostiziert, dass bis 2036 rund 4,3 Millionen Arbeitskräfte fehlen werden.

In wirtschaftlich unsicheren Zeiten handeln Unternehmen selektiver. Statt Stellen dauerhaft zu besetzen, kaufen sie häufiger gezielt die Kompetenzen ein, die sie für ein konkretes Vorhaben benötigen. Für Freelancer entstehen dadurch weiterhin Chancen – allerdings nicht automatisch. Entscheidend ist, die Entwicklungen im Projektmarkt zu verstehen und das eigene Angebot entsprechend auszurichten.

1. Die Nachfrage verschiebt sich: Compliance und Spezialwissen gewinnen

Das Projektgeschäft ist insgesamt selektiver geworden. Zwischen 2024 und 2025 ging die Nachfrage in mehreren großen Bereichen zurück, darunter Web- und Softwareentwicklung, IT-Dienstleistungen sowie Management und Beratung. Gleichzeitig wuchsen einzelne Kategorien wie Finanz- und Rechnungswesen, Forschung und Analyse sowie Digital Marketing.

Auch innerhalb der einzelnen Kategorien verschiebt sich der Bedarf. Besonders deutlich nimmt die Nachfrage nach Projekten rund um Governance, Compliance und SAFe zu. Unternehmen setzen ihre Budgets zwar vorsichtiger ein, kaufen externe Expertise aber weiterhin dort ein, wo regulatorische Anforderungen, neue Strukturen oder komplexe Veränderungsprozesse kurzfristig umgesetzt werden müssen.

Für Freelancer bedeutet das: Eine breite Leistungsbeschreibung allein reicht zunehmend nicht mehr aus. Gefragt sind klar erkennbare Spezialisierungen und ein konkreter Nutzen für das Unternehmen.

Wer beispielsweise Kenntnisse in Finance, Datenanalyse, regulatorischen Anforderungen oder Organisationsentwicklung besitzt, sollte diese Kompetenzen deutlich sichtbar machen. Besonders überzeugend ist die Verbindung aus Fachwissen, Branchenkenntnis und einem klar beschriebenen Projektergebnis.

Statt sich lediglich als „Berater für Projektmanagement“ zu präsentieren, ist beispielsweise eine Positionierung wie „Unterstützung regulierter Unternehmen bei der Einführung revisionssicherer Projekt- und Governance-Strukturen“ wesentlich aussagekräftiger.

2. Der Wettbewerb verschärft sich: Im Schnitt elf Bewerbungen pro Projekt

Die Zahl der Bewerbungen pro Projekt zeigt, wie stark der Wettbewerb in den einzelnen Kategorien ausfällt. Laut Freelancer-Kompass 2026 gehen im Durchschnitt elf Bewerbungen auf ein ausgeschriebenes Projekt ein.

Im Kreativbereich sind es rund 19 Bewerbungen, bei Web- und Softwareprojekten rund 14 und im Digital Marketing etwa 13. Im Ingenieurwesen bewerben sich dagegen durchschnittlich nur vier Freelancer auf ein Projekt.

Für Selbstständige sind diese Zahlen ein wichtiger Realitätscheck. Eine hohe Zahl an Bewerbungen bedeutet nicht zwangsläufig, dass keine Chancen bestehen. Sie zeigt jedoch, dass ein allgemeines Profil und standardisierte Anschreiben kaum ausreichen, um aus der Masse herauszustechen.

Je stärker umkämpft ein Bereich ist, desto schneller müssen Auftraggeber erkennen können:

  • Welches konkrete Problem löst der Freelancer?
  • Welche vergleichbaren Projekte hat er bereits umgesetzt?
  • Welche messbaren Ergebnisse wurden erzielt?
  • Welche Branchen- oder Prozesskenntnisse bringt er mit?
  • Wie schnell kann er produktiv in das Projekt einsteigen?

Gerade in stark besetzten Bereichen wie Kreativleistungen, Softwareentwicklung oder Digital Marketing sollten Freelancer ihre Bewerbungen konsequent auf das jeweilige Projekt zuschneiden. Ein kurzer, konkreter Projektbezug ist häufig überzeugender als eine lange Aufzählung sämtlicher Fähigkeiten.

In Bereichen mit wenigen Bewerbungen, beispielsweise im Ingenieurwesen, ist der Wettbewerb zwar geringer. Dort sind jedoch häufig hoch spezialisierte Fachkenntnisse, Zertifizierungen oder Branchenerfahrungen erforderlich.

Der Freelancer Kompass 2026 ist Deutschlands größte Freelancer-Befragung. Quelle: freelancermap

3. Bei beliebten Skills übersteigt das Angebot die Nachfrage

Der Projektmarkt weist derzeit bei mehreren gefragten Kompetenzen einen Angebotsüberhang auf. Die Kennzahl „Profile pro Projekt“ zeigt, wie viele passende Freelancer-Profile rechnerisch auf eine Ausschreibung kommen.

Besonders deutlich ist der Überhang bei JavaScript mit 2,53 Profilen pro Projekt, Scrum mit 2,51 und Projektmanagement mit 2,12. Näher an einem ausgeglichenen Verhältnis liegen dagegen Jira mit 1,04 und Python mit 1,15 Profilen pro Projekt.

Für Freelancer bedeutet das: Ein einzelnes Tool oder eine bekannte Methode eignet sich kaum noch als ausreichendes Differenzierungsmerkmal. Wer lediglich JavaScript, Scrum oder Projektmanagement in seinem Profil nennt, konkurriert mit vielen ähnlich positionierten Personen.

Erfolgversprechender sind konkrete Skill-Pakete. Diese verbinden eine technische oder methodische Kompetenz mit Branchenwissen, Prozessverständnis und einem klaren Ergebnis.

Beispiele für Skill-Pakete sind:

  • Python plus Datenmodellierung plus Erfahrung im Finanzwesen
  • JavaScript plus E-Commerce plus Conversion-Optimierung
  • Scrum plus Transformationserfahrung plus Stakeholder-Management
  • Projektmanagement plus regulatorische Kenntnisse plus Medizintechnik
  • Jira plus Prozessautomatisierung plus IT-Service-Management

Auftraggeber kaufen nicht nur die Beherrschung eines Tools. Sie suchen Unterstützung bei einem konkreten Problem. Freelancer sollten deshalb weniger darüber sprechen, was sie anwenden können, und stärker darüber, welche Wirkung sie damit erzielen.

Fünf Schritte für eine erfolgreichere Projektakquise

Aus diesen Entwicklungen ergeben sich konkrete Konsequenzen für die Positionierung und Akquise. Fünf Maßnahmen können Freelancern helfen, ihre Chancen auf passende Projekte zu erhöhen.

1. Das eigene Profil schärfen

Das Profil sollte innerhalb weniger Sekunden erkennen lassen, für welche Aufgaben, Unternehmen und Projektsituationen der Freelancer besonders geeignet ist. Eine klare Spezialisierung wirkt häufig überzeugender als ein möglichst breites Leistungsangebot.

2. Kernkompetenzen von Zusatzkenntnissen trennen

Nicht jede vorhandene Fähigkeit muss gleich stark hervorgehoben werden. Freelancer sollten ihre wichtigsten Kompetenzen klar benennen und ergänzende Kenntnisse davon abgrenzen. So entsteht ein eindeutigeres Profil, das von Auftraggebern schneller eingeordnet werden kann.

3. Schnell und konkret reagieren

Attraktive Projekte erhalten häufig innerhalb kurzer Zeit zahlreiche Bewerbungen. Eine schnelle Reaktion kann daher entscheidend sein. Das Anschreiben sollte sich unmittelbar auf die Anforderungen beziehen und bereits einen ersten Lösungsansatz vermitteln.

4. Kompetenzen als Leistungspakete darstellen

Statt einzelne Schlagwörter aufzuzählen, sollten Freelancer zusammenhängende Kompetenzpakete beschreiben. Die Verbindung aus Methode, Fachgebiet, Branche und Projektergebnis erleichtert es Auftraggebern, den konkreten Mehrwert zu erkennen.

5. Wissenstransfer als Vorteil anbieten

Unternehmen möchten vermeiden, nach Projektende vollständig von externen Spezialisten abhängig zu sein. Freelancer können sich daher positiv abheben, wenn sie Dokumentation, Schulungen, Pairing oder die Übergabe an interne Teams von Beginn an mitdenken.

Ein strukturierter Wissenstransfer macht die Zusammenarbeit nachhaltiger und erhöht die Wahrscheinlichkeit, für weitere Projekte empfohlen oder erneut beauftragt zu werden.

Der Projektmarkt ist angespannt, bietet aber weiterhin Chancen

Konjunkturelle Unsicherheit trifft Freelancer häufig früher als Festangestellte. Wenn Unternehmen Budgets reduzieren, werden externe Projekte oftmals zuerst verschoben, verkleinert oder gestrichen. Gleichzeitig kann gerade die Zurückhaltung bei Neueinstellungen dazu führen, dass Unternehmen fehlende Kompetenzen zeitlich begrenzt einkaufen.

Der Projektmarkt ist daher nicht pauschal schwach. Er differenziert stärker als zuvor. Während die Nachfrage in einigen breiten Kategorien sinkt und der Wettbewerb zunimmt, entstehen in spezialisierten Feldern weiterhin attraktive Möglichkeiten.

Für Freelancer kommt es deshalb darauf an, Marktsignale frühzeitig zu erkennen und die eigene Positionierung regelmäßig zu überprüfen. Entscheidend ist nicht nur, welche Skills vorhanden sind, sondern wie konkret sie mit einem Problem, einer Branche und einem nachweisbaren Ergebnis verbunden werden.

Wer sein Profil schärft, Spezialisierungen sichtbar macht und Auftraggebern einen klaren Nutzen vermittelt, kann auch in einem anspruchsvolleren Projektmarkt erfolgreich bleiben.

Literatur&Weblinks

Bildquelle: Pixabay

Porträtfoto von Thomas Maas, CEO von freelancermap

Thomas Maas ist CEO bei freelancermap. Er setzt sich dafür ein, dass Freelancer, Freiberufler, Selbstständige und Unternehmen für die Arbeit an Projekten über die Plattform zusammenfinden können. Davor war er bei Immowelt unter anderem im Produktmanagement tätig. Seinen beruflichen Werdegang begann Thomas Maas mit einer Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann. Danach studierte er Wirtschaftsinformatik an der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm. www.freelancermap.de

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